Anwesenheitspflicht: Pro & Contra

Im letzten Semester hatte ich mit unserem Vizepräsidenten für Lehre die Aufgabe zu prüfen, inwieweit die Anwesenheitspflicht für Studierende im Modul „Interdisziplinäres Projekt“ eingeführt werden kann. Diesen Wunsch hatten einige Lehrende geäußert, die beklagten, dass immer wieder Studierende im Projekt abtauchen und sich nur minimal an der Teamarbeit beteiligen – Stichwort „Free-Rider-Problem„. Eine gute Gelegenheit für mich meine eigene Einstellung zu diesem Thema zu hinterfragen:

  • In einer Vorlesung sollten aus meiner Sicht Studierende die Freiheit haben zu entscheiden, wie sie die Lerninhalte erarbeiten. Ich baue instruktionale Lernphasen immer so auf, dass sie durch die Teilnahme an der Vorlesung oder durch das Lesen von Literatur erarbeitet werden können. Ich sehe das recht leidenschaftslos – jeder soll hier seinen Weg finden, der seinen Lerngewohnheiten sowie persönlichen Möglichkeiten (z.B. Vereinbarung von Familie und Studium) entspricht. Da die Vorlesung überwiegend auf eine Wissensvermittlung abzielt, kann ich die Lernziele anschließend recht gut überprüfen – egal ob die Lerninhalte durch die Präsenzlehre oder über die Literatur erlernt wurden. Natürlich freue ich mich, wenn trotzdem viele Studierende in die Vorlesung kommen.
  • In Seminaren sehe ich ständiges Fehlen von Studierenden schon problematischer. Es stellt sich mir die Frage: Wie kann eine kritische Auseinandersetzung mit dem Seminarthema – und natürlich der eigenen Haltung dazu – stattfinden, wenn das Seminar nicht besucht wird? Sicherlich, Mann und Frau können auch mit Kommilitionen am WG-Tisch über das Thema diskutieren, aber machen sie das auch? Und wie fließen die Erfahrungen der Dozierenden in die Diskussion ein? Schließlich gibt es ja einen Grund, warum jemand für kompetent befunden wurde dieses Seminarthema zu lehren.
  • Richtig schwer tue ich mich mit dem Verzicht auf Anwesenheit in der Projektarbeit. Ein Ziel ist hier das Arbeiten im Team zu erlernen. Wenn Free-Rider sich nur minimal an den gemeinsam zu bewältigen Aufgaben beteiligen, wie kann ich als Lehrender erfassen, ob diese im Team arbeiten können? Darüber hinaus demotivieren Free-Rider die aktiven Teammitglieder, da sie durch ihren kleinen Beitrag – der durchaus gut sein kann – vom gesamten Projektergebnis profitieren. Ihnen wird eine Leistung zugesprochen, die überwiegend von anderen Studierenden erbracht wurde. Dies dürfte prüfungsrechtlich gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen.

Es zeigte sich folglich, dass ich auf der Seite meiner Kollegen stand. Das machte es einfacher mich in das Thema reinzuhängen, was wiederum leichter gedacht, als getan war. Denn die Anwesenheitspflicht ist im Rahmen der bundesweiten Bologna-Proteste im Jahre 2009 zu einem Politikum geworden. In vielen Landesverfassungen ist sie inzwischen streng reglementiert und in Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen „Anwesenheitsmelder“ der Asta. Studierende haben hiermit die Möglichkeit online prüfen zu lassen, ob die ausgerufene Anwesenheitspflicht der Lehrenden rechtens ist. Für Bayern bedeutet die Reglementierung, dass ca. 8 % der Lehrzeit in einem Studiengang mit Anwesenheitspflicht versehen werden darf. Alles was darüber hinaus geht, wird vom Ministerium nicht stattgegeben.

Ein für mich ein krasser Gegensatz zu der Bologna immanenten Verschiebung von der reinen Wissensvermittlung hin zur Förderung der „Employability“ der Studierenden. Wie wollen wir Kompetenzen fördern und bewerten, wenn unsere Studierenden an den dafür bereitgestellten Lernumgebungen nicht partizipieren? Unsere Erkenntnisse zur Kompetenzförderung stehen hier im eklatanten Widerspruch zu den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Eine entsprechende Diskussion halte ich für zwingend geboten. Auch eine rechtliche Prüfung solch widersprüchlicher Regelungen wäre wünschenswert.

Für das Modul „Interdisziplinäres Projekt“ stellte sich bei näherer Prüfung heraus, dass etliche beteiligte Studiengänge die 8 % Marke Anwesenheitspflicht ausgeschöpft haben. Damit war eine entsprechende Änderung nicht praktikabel. Um den Free-Ridern trotzdem Einhalt zu gebieten, haben die Lehrenden jedoch die Möglichkeit semesterbegleitend Prüfungsleistungen einzufordern. Unseren Lehrenden haben wir diese Vorgehensweise dann in einer kleinen Handreichung mit praktischen Beispielen empfohlen.

Für meine interdisziplinäre Projekte habe ich es so gelöst, dass es drei Projektphasen im Laufe des Semesters gibt, zu dessen jeweiligen Ende individuelle Prüfungsleistungen abgegeben werden müssen. In meiner Zeit in Hannover hatte sich diese Vorgehensweise sehr bewährt. Es ist darüber hinaus ein Kompromiss zwischen der Freiheit der Studierenden im Studium und der Notwendigkeit einer aktiven Teilnahme in den Projekten.

Unser Asta hat sich bezüglich dieser Regelung noch nicht endgültig geäußert. Ich hoffe aber, dass er die Vorteile für die Studierenden sieht: Mehr Prüfungsgerechtigkeit, da alle Studierenden gleichermaßen gefordert sind Prüfungsleistungen zu erbringen, und kein zu verfassender Projektbericht am Ende des Semsters, wenn es eigentlich gilt, sich auf die schriftlichen Prüfungen vorzubereiten.

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2 Kommentare zu “Anwesenheitspflicht: Pro & Contra
  1. Myrofora Hatziliadis sagt:

    Das haben Sie wunderbar auf den Punkt gebracht. Ich frage mich vor allem aber auch: Wie können Studierende,die nur selten das Seminar besuchen, dieses anschl. im obligatorischen Fragebogen zur Qualität der Lehre bewerten? Das tun nämlich die meisten derjenigen trotz mangelnder Anwesenheit. Sie beurteilen dann etwas, an dem sie gar nicht ausreichend teilgenommen haben.

    • marckrueger sagt:

      Wir haben hier in der Lehrveranstaltungsevaluation genau das immer abgefragt: Wieviel % waren Sie ungefähr in der LV anwesend? Es ist bei der Auswertung dann spannend zu sehen, dass diejenigen, die selten dabei waren, zu einer anderen Bewertung kommen als die, die meist teilgenommen haben. Erfahrungsgemäß bewertet die letzte Gruppe die LV meist besser. Auf der anderen Seite ist es natürlich aber auch immer eine Frage an sich: Warum kommen die Studierenden selten zur LV? Hat es organisatorische, inhaltliche, personenbezogene … Gründe? Es lohnt sich hierauf einen Blick zu werfen um die Erkenntisse in die LV-Planung aufzunehmen. Viele Grüße aus Coburg, Marc Krüger

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